Historische Aufnahme der Archenhold-Sternwarte © SPB/ASTW

Geschichte
Archenhold-Sternwarte

Geschichte der Archenhold-Sternwarte

1896 | Die »Himmelskanone« als Attraktion der Berliner Gewerbeausstellung

Auf der Berliner Gewerbeausstellung 1896 findet sich in einem großen Holzgebäude ein ganz besonderes Ausstellungsstück: Ein 21 Meter langes Riesenfernrohr – das bis heute längste Linsenfernrohr der Welt. Es ist mit Hilfe von Spendengeldern und auf Initiative Friedrich Simon Archenholds gebaut worden. Obwohl die »Himmelskanone« erst im September voll funktionstüchtig ist, stößt sie bei den Besucher*innen auf großes Interesse. Als nach dem Ende der Ausstellung das Geld fehlt, das Fernrohr vertragsgemäß wieder abzubauen, erteilt der Magistrat von Berlin schließlich die Genehmigung, das Fernrohr »bis auf weiteres« im Treptower Park stehen lassen zu dürfen. Damit wird de facto die Sternwarte gegründet. Betrieben wird sie durch den »Verein Treptow-Sternwarte e.V.«. Vereinsvorsitzender und erster Direktor der Sternwarte wird ihr Gründer, Friedrich Simon Archenhold.

Im provisorischen Holzbau nimmt die Sternwarte ihren Betrieb auf und wird unter den Berliner Bevölkerung schnell populär. Mit dem Fernrohr, einer kleinen Ausstellung und Bibliothek sowie einem Vortragsraum leistet sie einen wichtigen Beitrag zur Volksbildung in Berlin.

1908 – 1909 | Ein Neubau für die Sternwarte

Bereits nach wenigen Jahren hat sich die neue Sternwarte als feste Berliner Institution etabliert. Der nur für einen Sommer gedachte Holzbau erweist sich auf Dauer als ungeeignetes Domizil. Deshalb erarbeiten die Königlichen Bauräte und Architekten Konrad Reimer und Friedrich Körte einen Entwurf für den Neubau der Treptow-Sternwarte im neoklassizistischen Stil, den sie am 28. Februar 1908 offiziell dem Berliner Magistrat vorlegen. Direktor Friedrich Simon Archenhold bemüht sich unterdessen, Gelder für den Bau zu sammeln. Am 17. Mai 1908 schließlich wird der Grundstein für den Neubau der Sternwarte gelegt. Nach nur knapp einjähriger Bauzeit wird der Neubau bei herrlichem Frühlingswetter am 4. April 1909 eröffnet. In den Folgejahren entwickelt Archenhold in der Sternwarte eine lebhafte Veranstaltungstätigkeit und etabliert ein vielseitiges Programm. Schulklassen können die Sternwarte fortan unentgeltlich besuchen. Archenhold begeistert sich zudem für neue technische Möglichkeiten und beginnt Anschauungsfilme zur Astronomie und astronomischen Ereignissen zu drehen.

Friedrich Simon Archenhold 1931 am Riesenfernrohr, Bundesarchiv, Bild 102-00179 / CC-BY-SA 3.0
Friedrich Simon Archenhold 1931 am Riesenfernrohr, Bundesarchiv, Bild 102-00179 / CC-BY-SA 3.0

1915 | Albert Einstein hält ersten Berliner Vortrag über Relativitätstheorie in Treptower Sternwarte

Am 2. Juni 1915 hält Albert Einstein seinen ersten (von vier) öffentlichen Berliner Vortrag über die Relativitätstheorie im großen Vortragssaal der Treptow-Sternwarte. In der von Friedrich Simon Archenhold herausgegebenen Zeitschrift »Das Weltall« erscheinen bis 1933 etwa 30 Beiträge zu Einsteins Relativitätstheorie und ihren Konsequenzen für die Astronomie. Anlässlich des 100. Geburtstages Einsteins erhielt der Saal am 15. März 1979 den Namen »Einstein-Saal«. Seitdem erinnert eine Gedenktafel an den Vortrag des berühmten Physikers.

In diesem Saal hielt Albert Einstein seinen ersten öffentlichen Vortrag über die Relativitätstheorie. © SPB / Foto: F.-M. Arndt
In diesem Saal hielt Albert Einstein seinen ersten öffentlichen Vortrag über die Relativitätstheorie. © SPB / Foto: F.-M. Arndt

1931 – 1945 | Generationswechsel und Nationalsozialismus

Im Alter von 70 Jahren übergibt Friedrich Simon Archenhold 1931 die Leitung der Sternwarte an seinen Sohn Günter Archenhold, der unter anderem die Astronomischen Arbeitsgemeinschaften begründet.

Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten im Jahr 1933 beginnt die Diskriminierung und Verdrängung der jüdischen Familie Archenhold aus der Sternwarte. 1936 wird Günter Archenhold endgültig aus dem Amt vertrieben, die Sternwarte entschädigungslos in den Besitz der Stadt Berlin übernommen und der Hauptschulverwaltung unterstellt. Die Sternwarte wird temporär zu Umbauarbeiten geschlossen. Von 1937 bis 1945 übernimmt Richard Sommer die wissenschaftliche Leitung und führt die Astronomischen Arbeitsgemeinschaften weiter.  

Am 14. Oktober 1939 stirbt Friedrich Simon Archenhold in Berlin. Seine Frau Alice und Tocher Hilde kommen im KZ Theresienstadt ums Leben. Die Söhne Günter und Horst Archenhold emigrieren nach England.

Während des Zweiten Weltkriegs werden die Sternwarte und das Riesenfernrohr bei Luftangriffen beschädigt.

1945 | Neuanfang nach dem Krieg

Nach dem Krieg beruft der Magistrat von Berlin Edgar Mädlow als Kommissarischen Leiter der Sternwarte, der schon seit 1937 Mitglied der Astronomischen Arbeitsgemeinschaft und auch im Publikumsdienst der Sternwarte tätig ist. Mädlow setzt sich erfolgreich für die Wiederaufnahme des Sternwartenbetriebs und eine vorläufige Instandsetzung des Großen Refraktors ein, so dass bereits am 9. Juli 1945 vom Dach der Sternwarte aus mit dem Großen Fernrohr die partielle Sonnenfinsternis verfolgt werden kann. Mädlow sichert in der Folgezeit das erhalten gebliebene Unterrichtsmaterial aus dem Planetarium am Zoo und überführt zwei Teleskope sowie die Bibliothek aus der aufgegebenen Urania-Sternwarte nach Treptow.

Am 17. August 1946 wird das 50-jährige Bestehen der Sternwarte gefeiert. In einem Festakt wird der Einrichtung der Name »Archenhold-Sternwarte« verliehen.

Filmaufnahmen des Riesenfernrohrs und des Gründungsdirektors Friedrich Simon Archenhold aus dem Jahr 1931 von British Pathé

1948 – 1959 | Sternwarte wiederaufgebaut – Großer Refraktor stillgelegt

Am 1. Juni 1948 wird Diedrich Wattenberg als neuer Direktor berufen. Mit der Sternwarte ist er seit 1928 unter anderem als Autor für die Zeitschrift »Das Weltall« verbunden. Wattenberg leitet den Wiederaufbau des kriegsbeschädigten Hauses. Aus technischen Gründen muss der Große Refraktor 1958 stillgelegt werden. Das Schienensystem des abfahrbaren Dachs und der Umgang um das Instrument sind so verrostet, dass ein sicherer Betrieb unmöglich geworden ist. 1959 wird in einem Anbau der Archenhold-Sternwarte das erste Zeiss-Kleinplanetarium (Typ ZKP I) der DDR in Betrieb genommen. Im selben Jahr wird der Astronomie-Unterricht in der DDR eingeführt: In der 10. Klasse gibt es nun pro Woche eine Stunde himmelskundlichen Unterricht. Das erste Lehrbuch für den Astronomie-Unterricht stammt aus der Feder des Sternwartendirektors Diedrich Wattenberg.

1960er Jahre | Neue Instrumente

Von 1960 bis 1962 wird ein Areal nordwestlich der Sternwarte als Freigelände erschlossen. In den neu errichteten Gebäuden werden, auch als Ersatz für das nicht mehr funktionsfähige Riesenfernrohr, moderne Geräte vom VEB Carl Zeiss Jena untergebracht. Darunter sind ein 500-mm-Cassegrain-Spiegelteleskop, ein 150-mm-Coudé-Refraktor sowie ein 300-mm-Jensch-Coelostat. Der Coelostat bildet mit einem 200-mm-AS-Objektiv die optische Grundausstattung des Sonnenphysikalischen Kabinetts, das 1965 fertiggestellt wird.

1970er Jahre | Direktorenwechsel und Sanierung des Großen Refraktors

1970 wird in der Sternwarte die Forschungsabteilung für Astronomiegeschichte geschaffen. Ihr erster Leiter wird Dr. Dieter B. Herrmann, der im November 1976 die Nachfolge Wattenbergs im Amt des Direktors antritt. Nach der Amtsübernahme beginnt 1977 die Sanierung des Großen Refraktors, der seit 1968 unter Denkmalschutz steht. Alle Hauptteile des Gerätes (Mechanik, Optik) bleiben original erhalten.

Außengelände der Archenhold-Sternwarte © SPB / Foto: E. Rothenberg
Auf dem Freigelände der Archenhold-Sternwarte werden zwischen 1960 und 1965 weitere Gebäude errichtet. © SPB / Foto: E. Rothenberg

1980er Jahre |  Modernisierungen und Neubau des Zeiss-Großplanetariums in Prenzlauer Berg

1982 wird das Planetarium modernisiert und durch das neue Zeiss-Kleinplanetarium Typ ZKP 2 ersetzt. Nun kann auch der vollständige südliche Sternenhimmel und der Lauf der Planeten unter den Sternen dargestellt werden. Die acht Meter große Kuppel bietet eine größere Platzkapazität von nunmehr 90 Sitzen (vorher waren es 60).

1983 ist das Riesenfernrohr erstmals nach 25 Jahren wieder voll funktionstüchtig und betriebsbereit.

Dieter B. Herrmann profiliert die Archenhold-Sternwarte in der Öffentlichkeit durch den Aufbau eines Repertoireprogramms und wissenschaftlich durch eine rege Forschungstätigkeit auf dem Gebiet der Geschichte der Astronomie. Soweit es unter den Bedingungen der DDR möglich ist, werden Kontakte zu Astronomiehistorikern in anderen Ländern aufgebaut, die Mitarbeit in der Internationalen Astronomischen Union (IAU) angestrebt sowie regelmäßige Kolloquien zu Themen der Geschichte der Astronomie durchgeführt.

Anlässlich der 750-Jahr-Feier Berlins wird am 9. Oktober 1987 das Zeiss-Großplanetarium in Prenzlauer Berg eröffnet. Es bildet mit der Archenhold-Sternwarte eine gemeinsame Einrichtung.

Zeiss-Kleinplanetarium Typ ZKP 2  © SPB / Foto: F.-M. Arndt
Blick in das Kleinplanetarium vom Typ ZKP 2. © SPB / Foto: F.-M. Arndt

1989 – 1990 | Turbulente Zeiten

Im Jahr 1989 werden erneut Reparaturen am Riesenfernrohr notwendig. Das äußere Blechrohr ist zum Teil durchgerostet und muss schrittweise ersetzt werden. Es wird getreu dem historischen Vorbild in einem aufwendigen Prozess hergestellt und montiert. Die Reparatur dauert bis 1990, dann ist das Teleskop wieder einsatzfähig.

Mit der Vereinigung der beiden deutschen Staaten beginnt für die Archenhold-Sternwarte und das Zeiss-Großplanetarium ein schwieriger Transformationsprozess: Die Besucherzahlen brechen ein, das Personal wird stark reduziert und der gesamten Einrichtung droht die Abwicklung. Es werden große Anstrengungen unternommen, die Existenz und Arbeitsfähigkeit beider Häuser zu erhalten.

1994 – 1996 | Sanierung der Archenhold-Sternwarte

1994 beginnt die umfassende Sanierung der unter Denkmalschutz stehenden Sternwarte durch die Senatsverwaltung für Bauen, Wohnen und Verkehr. So werden beispielsweise die Heizungs- und Lüftungsanlagen und die gesamte Elektroanlage erneuert, der Dachaufbau des Westflügels vollständig neu hergestellt und weite Teile des Gebäudes neu verputzt. Zur 100-Jahrfeier der Sternwartengründung 1996 sind wesentliche Sanierungsarbeiten abgeschlossen und die Sternwarte präsentiert sich in frischem Gewand. Unter den zahlreichen Ehrengästen der Jubiläumsfeier befinden sich viele Mitglieder der Familie Archenhold, die aus aller Welt anreisen. Anlässlich des Jubiläums gibt Prof. Dr. Dieter. B. Herrmann die Festschrift »100 Jahre Archenhold-Sternwarte« heraus, die die Geschichte der Sternwarte vom Kaiserreich bis zum wiedervereinten Deutschland dokumentiert.

2002 – 2016 | Stiftung Deutsches Technikmuseum Berlin und Wechsel der Hausleitung

Zum 1. Juli 2002 werden die Archenhold-Sternwarte und das Zeiss-Großplanetarium Teil der Stiftung Deutsches Technikmuseum Berlin und damit zu Standorten des Technikmuseums in Berlin-Kreuzberg.

Nach fast 30 Dienstjahren wird Dieter B. Herrmann 2005 in den Ruhestand verabschiedet. Die Leitung beider Häuser übernimmt von März 2005 bis Mai 2006 Dr. Klaus Staubermann, gefolgt von Hans-Friedger Lachmann (Mai 2006 bis Februar 2009) und seit Februar 2009 Dr. Felix Lühning.

2016 | Gründung der Stiftung Planetarium Berlin

Am 1. Juli 2016 findet in der Archenhold-Sternwarte der Festakt zur Gründung der Stiftung Planetarium Berlin statt. Das Haus bildet nun zusammen mit dem Planetarium am Insulaner mit Wilhelm-Foerster-Sternwarte und dem Zeiss-Großplanetarium eine gemeinsame organisatorische Einrichtung unter der Leitung von Tim Florian Horn. Unter dem Dach der neuen Stiftung wird die Archenhold-Sternwarte zu einem modernen Astronomie- und Wissenschaftsmuseum weiterentwickelt.

Festakt zur Gründung der Stiftung Planetarium Berlin am 01. Juli 2016 © SDTB / Foto: U. Steinert
Festakt zur Gründung der Stiftung Planetarium Berlin am 01. Juli 2016 © SDTB / Foto: U. Steinert